Ja, ich weiß, ich denke nicht nur da anders. Ich sehe Wut als wertvoll an. Und ich möchte gern versuchen, es verständlich zu machen.

Ein wütendes Kind ist ein Geschenk, denn es kämpft – und zwar für sich. Es steht mit dem Rücken an der Wand und findet keinen anderen Ausweg als die Wut über seine eigene Hoffnungslosigkeit, seine eigene Unfähigkeit, handeln zu dürfen, seine Ohnmacht, weil jemand anderes Macht hat. Es ist eine reine körperliche Verzweiflungstat und zwingt im besten Fall den MachtHaber darüber nachzudenken, was da gerade gänzlich schief läuft. Es ist nicht das Kind, ganz bestimmt nicht. Es ist die festgefahrene Situation, der Moment der tiefsten Frustration und die Hilflosigkeit auf ganzer Linie.

Für den Wutmoment empfehle ich allen Beteiligten, zur allererst mit Ansage des Elternteils oder – bei 2 Erwachsenen – den noch einigermaßen klar Denkenden schnellstmöglich aus der Situation hinauszugehen. Zum Beispiel so: „Ich fühle mich gerade sehr frustriert/ebenfalls wütend/sch…. Ich gehe jetzt für 15 Minuten raus, um mich zu beruhigen. Dasselbe wünsche ich mir von dir. Danach setzen wir uns zusammen und finden gemeinsam eine Lösung.“

Mit einer respektvollen Fragestellung an das Kind oder auch den zuvor wütenden Erwachsenen in Form von Ich-Fragen und Wünsche äußern kann dann geschaut werden, warum Wut entstehen konnte. Manchmal geht es garnicht um diesen eben erlebten Moment, sondern er war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Mit dem Schaffen eines lösungsorientierten Gesprächsraumes kann dann besprochen werden, wo der Schuh drückt, wo jeder in die eigene Verantwortung, das eigene Handeln, das gute Miteinander in Zukunft gewährleistet wird. Das geht auch mit einem Kindergartenkind, ehrlich!

Diese Gespräche schließe ich mit einem Dankeschön an mein Kind ab. Ich wertschätze seinen Mut zur Wut, denn es zeigt mir, dass ich als Mutter vielleicht eine Schwelle übertreten habe, die mir unter Umständen nicht zusteht. Zudem vermittele ich meinem Kind, dass es wütend sein darf und auch dieses negative Gefühl akzeptiert wird. Es gehört zum wahren Leben nun mal dazu.

Viel schlimmer wäre es doch, wenn mein Kind resigniert, still wird, sich einigelt, zurückzieht, nicht mehr für mich erreichbar ist. Die tiefe Enttäuschung des Kindes, nicht mehr wertvoll und nicht mehr gesehen zu werden, ist in meinen Augen viel viel schlimmer als ein befreiender Wutausbruch. Ein Kind, was sich selber aufgegeben hat, kann kein gesundes Selbstvertrauen aufbauen. Doch das ist lebenswichtig, um nicht zu sagen überlebenswichtig.

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