Claus-Dieter Kaul, einer meiner liebsten Montessori-Menschen, hat die 10 Wünsche der Kinder mal zusammen getragen. Ich finde sie sehr überzeugend, weswegen ich sie gern aufgreife.

Basis seiner Denke ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit (er sprach zeitlos schon 2001 davon) viel mehr lernen müssen, zwischen gegensätzlichen Wertvorstellungen, Anschauungen und Lebensformen gezielt Entscheidungen zu treffen, um sich an selbst gewählten Zielsetzungen zu binden. Diese Bindungsfähigkeit hat zuweilen sehr abgenommen. Deshalb müssen wir Eltern in der Erziehung alles dafür tun, diesem Defizit entgegenzuwirken.

Lasst uns Fehler machen
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Fehler ein Makel sind, ja sogar verpönt und bestraft werden. Dieses Bewusstsein tragen wir ins uns, weil unsere Eltern und Lehrer es uns gezeigt haben. Leider basiert das heutige Schulsystem immer noch darauf. Wenn ein Kind in einem Diktat mit 100 Wörtern 20 falsch geschrieben hat, werden diese fett rot unterstrichen und seitlich mit zählbaren Strichen deutlich gekennzeichnet. Und was ist mit den 80 Wörtern, die richtig geschrieben wurden? Sie werden schlicht weg nicht beachtet. Diese großartige Leistung im Verhältnis 80:20 erhält überhaupt keine Bedeutung – in meinen Augen schier eine Katastrophe und Demotivation sonders gleichen.

„Wonach suchen wir denn wirklich im Kind?“ fragte sich Maria Montessori schon Anfang des letzten Jahrhunderts. In der Regel suchen wir die Fehler, das Unkorrekte, das, was nicht ins System passt. Und noch schlimmer: Wir suchen auch nach den Fehlern, die das Kind noch machen könnte! Mit unserer Warnung davor, unserem wohl gemeinten Schutz nehmen wir dem Kind jede Erfahrung, jede Phantasie, jede erlebbar Eigenverantwortung, jedes Wahrnehmen der eigenen Sinne. Das führt dazu, dass das Kind sich nicht mehr selbst vertrauen kann – also entschließt es für sich: Ich lass es besser sein. Ich bin eh nicht richtig. Ich bin nicht wertvoll.

Wir haben die Verantwortung, die Wege unseres Kindes auszuhalten, sie mit großem Freiraum zu begleiten, uns in Geduld zu üben und die Anstrengung zur eigenen Erkenntnis des Kindes zu loben, zu verstärken, zu fördern. Es gilt, die Freude des Kindes am TUN zu teilen und nicht durch Angst vor Fehlern zu stoppen.

„Durch große Kraft folgt große Verantwortung!“ Wer hat es gesagt? Richtig, Ben Parker, der Onkel von Spiderman.

Textquelle: Claus-Dieter Kaul • Die zehn Wünsche der Kinder • Auer Verlag
Bilderquelle: www.unsplush.com/MichaelParzuchowski