Claus-Dieter Kaul, einer meiner liebsten Montessori-Menschen, hat die 10 Wünsche der Kinder mal zusammen getragen. Ich finde sie sehr überzeugend, weswegen ich sie gern aufgreife.

Basis seiner Denke ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit (er sprach zeitlos schon 2001 davon) viel mehr lernen müssen, zwischen gegensätzlichen Wertvorstellungen, Anschauungen und Lebensformen gezielt Entscheidungen zu treffen, um sich an selbst gewählten Zielsetzungen zu binden. Diese Bindungsfähigkeit hat zuweilen sehr abgenommen. Deshalb müssen wir Eltern in der Erziehung alles dafür tun, diesem Defizit entgegenzuwirken.

Schenkt uns Liebe
Manchmal ist die Erwartungshaltung der Eltern im Umgang mit ihrem Kind sehr fordernd. Das Geben der Elternliebe wird oft mit dem Geben eines Geschenkes gleichgesetzt, das aus Geld oder anderen materiellen Dingen besteht. Oft verknüpfen Eltern Bedingungen an das Kind und seinem Handeln, wobei sie sich dessen garnicht so bewusst sind: „Wenn du die Schularbeiten gemacht hast, dann kannst du dich mit Freunden treffen und spielen.“ Oder: „Wenn du schnell dein Mittagessen gegessen hast, dann kannst du noch einen Nachtisch.“ Von diesen Wenn-Dann-Aussagen ließen sich noch einige aufführen, die im täglichen Familienleben wie Mantras wirken.

Damit wird dem Kind unbewusst vermittelt, dass Liebe gekauft werden kann oder zumindest mit irgendwelchen materiellen Dingen gleichzusetzen ist. Es lernt: Wenn es den Anforderungen der Eltern (‚Wenn …‘) folge leistet, dann (ja ‚dann …‘) bekommt das Kind, was es machen bzw. haben will. Aus der Sicht des Kindes erlernt es auf diese Weise, wie Liebeszuwendung funktioniert. Das hat zur Folge, dass das Kind sehr bald jegliche Arbeit und sogar das Spiel nur noch dazu nutzt, um der Beachtung und der Liebe der Eltern zu genügen.

Du siehst: Die Herausforderung besteht darin, dem Kind zu vermitteln, das es keine Erwartungen von Elternseite zu erfüllen hat. Wahre Elternliebe ist bedingungslos. Vielmehr sollten wir im Raum und Zeit schenken, in dem das Kind eigenverantwortlich über sein Tun entscheiden kann. Dabei meine ich nicht, dass es sich gegen die Hausaufgaben entscheiden kann. Hier bietet sich zum Beispiel eine geschlossene Frage an wie: „Wann möchtest du deine Hausaufgaben machen – jetzt oder in 30 Minuten?“. Damit geben wir die Entscheidung an das Kind ab und es nimmt diese Eigenverantwortung auch als solche wahr, ohne Bedingung.

Diese Art der Kommunikation bedarf sicher deiner Reflektion im täglichen Umgang mit deinem Kind und der Überlegung, wie die Wenn-Dann-Situation anders geregelt werden kann. Eventuell kannst du sogar zusammen mit deinem Kind überlegen, welche dieser klassischen Situationen anders geregelt werden können. Behalte die Möglichkeit der Eigenverantwortung deines Kindes bitte immer im Blick. Ich bin mir sicher, dass es durch diese Wertschätzung gefühlt sehr viel mehr Liebe geschenkt bekommt.

Textquelle: Claus-Dieter Kaul • Die zehn Wünsche der Kinder • Auer Verlag
Bilderquelle: www.unsplush.com/Kazuend